Mittwoch, 7. September 2016

Eine Armlänge Abstand - über das Zusammenleben mit Babys

Runzelfuesschen unterschiedliche Eltern Leben mit Kleinkind Elternblog Zusammenleben mit Babys


Wisst ihr noch, neulich, als ich die beiden Damen im Zug belauscht habe? Da ging es darum, dass beide Frauen ihre Kinder gern im eigenen Kinderzimmer schlafen lassen, weil das die Kinder eben lernen sollen.
Nun war ich letztens in einem Sportkurs. Mit dem Baby, was in der Zeit von einer sehr netten Frau betreut wurde. So wie die anderen fünf anwesenden Babys auch. Ich fand das schön, Herr Annika war in Hörweite, ich konnte mich auf meinen Sport konzentrieren und wenn er weinen würde, dann würde ich zu ihm gehen.

Kind weint - Mama kommt (nicht)


So wie alle anderen Mütter auch - dachte ich. Als ich hörte, dass mein kleiner Mann unruhig wurde unterbrach ich die Übung kurz, ging die zwei Schritte zu ihm, lächelte ihn an, strich ihm über den Bauch und er gluckste fröhlich. Ich ging zurück zum Kurs und er bearbeitet sein Spucktuch wieder, dabei laut vor sich hin "erzählend".
Die anderen Babys wurden irgendwann auch unruhig und fingen an zu weinen. Dann fingen sie an zu schreien. Irgendwann brüllten sie. Minutenlang. Ich sah mich irritiert um, aber keine der Mütter stand auf.




"Wem gehört denn das Kind hier?"


Die Babysitterin kam zu uns und meinte "das Kind mit dem blauen Shirt und das mit den grünen Socken, die weinen ziemlich. Könntet ihr kurz kommen?" Niemand erhob sich. Ich war leicht perplex. Die Frau verschwand und holte beide Kinder, die dann endlich von ihren Müttern in Empfang genommen wurden. Ich wunderte mich kurz, dass die Mütter nicht von sich aus nach ihren Babys schauten, aber nun gut. Auch ich lauschte ab und zu, ob ich meinen Sohn hörte, und bei sechs Babys ist das vielleicht auch nicht ganz einfach. Aber was ich meinem Kind angezogen habe, das weiß ich doch. Wieso also reagierten die anderen so anders als ich?

Kinder müssen lernen


Nachdem der Kurs vorbei war erfuhr ich dann aber auch, wieso die anderen Mütter so anders waren. Sie unterhielten sich nämlich darüber, dass ihre Kinder nun lernen müssten, dass man nicht sofort springt wenn sie schreien. Mit ihren zwei bzw. vier Monaten hätten sie eben zu lernen, dass man warten muss, dass die Eltern nicht sofort Gewehr bei Fuß stehen. Während ich mir meinen Sohn in das Tragetuch legte und merkte, wie sehr er, nach der einen Stunden Trennung (mit immer mal wieder gucken, aber trotzdem) die Nähe genoß, waren diese Mütter anderes gepolt.

Du machst was dein Kind will


Sie sprachen mich an und meinten, dass ich ja ganz schön nach der Pfeife meines Sohnes tanzen würde. Ich guckte verduzt und erklärte ihnen, dass ich genau das auch bei meiner Tochter und im Übrigen auch gern bei ihren Babys gemacht hätte. Weil es für mich das Natürlichste von der Welt ist sich um ein weinendes, schreiendes Kind zu kümmern. Weil ich will, dass es meinen Kindern gut geht. Ich halte nichts von Schreien lassen, nichts von Aushalten lernen und nichts davon Babys zu ignorieren. Und ja, ich trage meine Kinder, ich bin für sie da.

Kinder muss man lieben und achten


Auch wenn es mir einen Stich versetzt und ich weiß, dass diese Mütter ihre Kinder genauso lieben, ich kann da schwer mit umgehen. Ich will nicht immer als die klammernde Übermutter dargestellt werden, die für ihre Kinder springt. Weil das nicht stimmt. Ich erfülle die Bedürfnisse meine Kinder die noch viel zu klein sind um sich selbst zu trösten. Sie brauchen meine Zuwendung, meine Liebe, meinen Halt. Im Gegensatz zu den Frauen im Kurs, die mir erklärten, dass sie ihre Kinder grundsätzlich nicht tragen würden, weil das ja zu warm und zu eng und unbequem sei genieße ich das sehr. Ich halte meine Kinder nicht auf Abstand, sie sind um mich. Wenn sie weinen, dann tröste ich. Wenn das Runzelfüßchen zum hundersten Mal ihre Minischramme verarztet haben möchte, dann klebe ich ein Pflaster drauf. Weil es meine Kinder sind, weil ich möchte, dass sie sich geachtet und geliebt fühlen.

Jede Familie ist anders


Ich sage nicht, dass die anderen Mütter schlechte Mütter sind. Sie gehen nur einen ganz anderen Weg, der eben nicht der meine ist. Und ich gebe zu, ich wundere mich über manche Aussagen, zucke zusammen und denke: Aber wieso habt ihr dann Kinder?
Wenn ich an diesen Punkt komme, dann nehme ich mich zurück, mache kurz eine Pause und ermahne mich: Andrea, richte nicht über andere! Denn das, was ich in deren Augen meinen Kindern zuviel an Aufmerksamkeit schenke, das schenken sie in meinen Augen zuwenig. Aber Eltern sind verschieden. Wir dürfen das auch sein. Ihr Weg ist nicht der meine. Und andersrum trifft das genauso zu.

Wie geht ihr mit solchen Situationen um? Nehmt ihr euch zurück oder mischt ihr euch ein? Ich finde der Grad ist so verdammt schmal!

Kommentare:

  1. Liebe Andrea,

    mir geht es da sehr ähnlich wie dir.
    Ich kann es überhaupt nicht haben, wenn Love jammert, quengelt, ein Problem hat und sich so äußert. Irgendwie es ist wider der Natur, da als Mutter nicht zu reagieren! Ich werde da sehr schnell fuchsig.
    Und der Grad ist wirklich schmal, ich bin zudem nicht die Type, die sich schnell "einmischt" oder etwas sagt, das liegt mir überhaupt nicht. Gerade weil ich eher wie die Babysitterin als wie die Mutter aussehe ;)

    Komm gut in einen neuen Tag

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  2. Ich finde das sind ganz schwere Situationen. Mir zerreißt es das Herz wenn Eltern ihre Kinder (Babys!) schreien lassen und meinen sie müssten nun lernen dass Mami nicht gleich springt...

    Ich selber wurde auch immer argwöhnisch betrachtet wenn ich gleich gesprungen bin. Aber ich sehe, zwei Jahre später, dass es genau richtig war!

    Bisher habe ich mich nicht eingemischt. Wenn ich gefragt werde, sage ich meine Meinung, sonst nicht. Sollte ich aber vielleicht mal. Hmm

    Sonnige Grüße.

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  3. Auch mir zerreißt es das Herz wenn ich Babys weinen höre und sehe das die Eltern nicht reagieren. Allerdings kann ich in so einer Situation manchmal nicht meinen Mund halten. Ich tadele zwar nicht, frage aber freundlich nach was das Kleine denn hat. Meistens reagieren die Eltern dann und trösten, was sie vielleicht anders nicht getan haben.

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  4. Es erschreckt mich (als frisch gebackene Mutter) immer wieder, zu lesen, dass es Mütter, die ihre Babys schreien lassen, tatsächlich (noch) gibt. Ich dachte immer das wäre schon so eine Art Klischee.
    Da bin ich selbst mal gespannt, was mich bei meinem Rückbildungskurs, der heute zum ersten Mal beginnt, erwartet.

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  5. Prinzipiell kann ich deine Sichtweise nachvollziehen und handele auch meist sofort, wenn mein Baby schreit.
    Allerdings kann ich auch die andere Sichtweise nachvollziehen. Beim ersten Kind habe ich mich auch anfangs nicht getraut meinen (Schwieger)Eltern zu widersprechen, wenn sie mir erzählt haben, dass ich das Kind nicht so verwöhnen soll, dass es lernen muss, dass Mama nicht immer springen kann, usw.
    Es hat ein wenig gedauert, bis ich gemerkt habe, dass sowohl ich, als auch das Baby entspannter sind, wenn wir auf unser Bauchgefühl hören. Und dass wir eben unseren Weg gehen.
    Auch sonst wird es in der Gesellschaft eher noch negativ gesehen, wenn man auf die Bedürfnisse seines Kindes achtet.
    Ich denke, dass es einfach Botschafterinnen braucht, um dieses "Erziehen zur Stärke" aus den Köpfen der Eltern heraus zu bekommen.

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  6. Liebe Andrea,
    ich hasse solche Situationen. Am liebsten würde ich solche Mütter anschreien, wie könnt ihr so sein? Lest etwas über die Entwicklung von Babys, in dem Alter kann man doch noch gar nicht "erziehen".
    Aber ich mach es nicht. In den letzten drei Jahren habe ich gelernt, dass die wenigstens Eltern andere Meinungen akzeptierte geschweige den bereit, ihre Erziehungsansätze zu überdenken.
    Ich wünsche immer allen Kindern, Menschen die sie so akzeptiert wie sie sind und Menschen die ihnen zugewandt bleiben.
    Lieben Gruß
    Nadine

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  7. Liebe Andrea,
    das Thema "Schreien lassen" verfolgt uns Mütter dieser Generation wohl auf Schritt und Tritt... es gibt die eine Sorte Mamis, zu denen ich mich auch zähle, die wie du auch, beim Weinen oder Schreien ihres Kindes nach ihm sehen, es beruhigen, versuchen auf die Bedürfnisse einzugehen. Und es gibt die Sorte Mamis, welche der Ansicht sind, dass die Babys lernen müssen dass nicht sofort gesprungen wird, die sich nicht von ihren Babys erziehen lassen möchten... vielleicht weil sie selber so denken, oder aber auch, was ich häufig vermute, dieses so von ihren eigenen Eltern / Schwiegereltern vermittelt bekommen... früher hat es euch auch nicht geschadet, das Kind hat euch aber in der Hand, lass es doch mal "erzählen" ... Auch ich habe ein solches Elternpaar zu Hause, wir wurden u.a. als Helikoptereltern bezeichnet, weil wir zu unserem weinenden 4 Monate alten Baby im Kinderwagen geeilt sind, als wir zu Gast bei Verwandten waren... für mich total selbstverständlich, mein Baby wird in fremder Umgebung wach, ist unsicher, ruft nach Mama und Papa... nicht auszudenken wie schlimm es für sie gewesen wäre wäre keiner gekommen... aber das wurde nicht verstanden.. das Kind wurde verwöhnt... ist klar ....
    Lieben Gruß
    Kathrin

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